PORTRAIT MICHAEL KUNZE - KONZERTMEISTER

Ein Beitrag von Klaus Peter Lang


Michael Kunze, Konzertmeister des Orchesters der MGM


Als Lehrender immer

auch ein Lernender




Er ist der erste, dem nach vollbrachter musikalischer Tat der Dirigent dankend die Hand schüttelt, und mit dieser Geste hoffentlich auch das ganze Orchester meint. Der Konzertmeister steht damit stellvertretend für das Orchester, er nimmt eine herausgehobene Stellung ein. Doch mehr darüber in der "Kleinen Orchesterkunde" unten auf dieser Seite.

Unser Konzertmeister, der Konzertmeister des Orchesters der Musikgemeinschaft Marl, heißt Michael Kunze. Wir wollen ihn hier kurz vorstellen nach dem Motto, wie er wurde, was er heute ist.

Da, wo das Ruhrgebiet am ausgeprägtesten den Namen "Ruhrpott" verdient, mitten in Essen, ist Michael Kunze am 16. November 1958 zur Welt gekommen. Vater Kunze war Bergmann und man wohnte in einer Zechensiedlung. Wie es guter Brauch im Ruhrgebiet ist, kamen die Kunzes ganz woanders her -aus dem Erzgebirge, nämlich. Der erzgebirgische Musikant, die künstlerische Ader, steckt in der Familie und hat alle Fährnisse der Zeiten überstanden. Bei Familie Kunze war man musikalisch immer aktiv: Michael und seine drei Schwestern mußten und durften im zarten Kindesalter ein Instrument lernen. Meist fanden die ersten musikalischen Gehversuche auf der dafür bestens geeigneten Blockflöte statt, ein Instrument allerdings, das Michaels Zuneigung nicht unbedingt erringen konnte. So gab man ihm - er war gerade neun geworden - eine Geige in die kindlichen Hände. Und siehe da, er konnte darauf sogar brauchbare Töne produzieren, ein Erfolg, der so manchem länger gedienten Geigenschüler nicht unbedingt beschieden ist. Schnell lernte er die Grundbegriffe des Geigenspiels und entwickelte sich bald zu einem brauchbaren Geiger, der im Schulorchester glänzte und bereits bei zahlreichen "Mucken" seinen Mann stand. Damals, während seiner Schulzeit, dachte Michael kaum daran, aus der Musik seinen Beruf zu machen. Ihn interessierte Architektur, Archäologie faszinierte ihn.

Flott, mit 18, ohne wiederholungsbedingte Zeitverluste, machte Michael sein Abitur. Und jetzt stand doch die Musik im Berufs-Ranking an erster Stelle. "Aber nicht Berufsgeiger", lautete seine Devise. So zog er ein Studium der Schulmusik vor. Und das selbstverständlich an Ort und Stelle - an der Folkwang Hochschule in Essen. Michael Kunze war praktisch von Anfang an von der vielfältigen, weitgespannten Ausbildung begeistert, seine elementare Freude an der Musik verband sich optimal mit dem Anliegen, Verständnis für die Musik an junge Menschen weiterzugeben. Und nicht nur an junge, wie sich später erweisen sollte! Vertiefte Orchesterpraxis erwarb er sich im Jugendsinfonieorchester Essen, wo er "von der Pike auf" Erfahrungen um Musizieren im größeren orchestralen Rahmen erwerben konnte.

Die Dienstzeit bei der Bundeswehr bildete ein gar nicht so lästiges Intermezzo. Michael Kunze konnte seine 18 Monate beim Stabsmusikcorps abdienen, eine Zeit, in der sich anregende und anstrengende Orchesterarbeit abwechselte mit hochoffiziellen Anlässen - letztere in blitzblank gewienerten Stiefeln mit blinkendem Blech.

Als fertiger Schulmusiker leistete Michael Kunze seine Referendarzeit in Münster ab und absolvierte eine Reihe von Meisterkursen. Nachhaltige Eindrücke gewann er durch sein Mitwirken bei den "English Baroque Soloists" unter Sir John Eliot Gardiner, wo er mit der barocken Spielweise auf alten, darmbesaiteten Violinen konfrontiert wurde.

Ausbildung und hohes instrumentales Können auf Geige und Bratsche prädestinierten unseren Michael Kunze zu führenden Positionen im Orchesterleben. So war er jahrelang Bratschist und 1. Geiger im Studioorchester Duisburg, einem anspruchsvollen Laienorchester.

1992 fanden die vielfältigen Aktivitäten Michael Kunzes einen neuen Ankerpunkt: Marl. Er wurde von der Musikgemeinschaft Marl als Konzertmeister des Orchesters fest engagiert, zur gleichen Zeit übrigens, als in Armin Klaes ein neuer künstlerischer Leiter und Dirigent sein Wirken bei der MGM begann.

Auch das pädagogische Engagement Kunzes mündete schließlich in eine Marler Institution: seit 1993 wirkt er als Geigen- und Bratschenlehrer in der Musikschule.

Die überwiegend der Klassik gewidmete Orchesterarbeit ist nur eine Seite der musikalischen Aktivitäten unseres Konzertmeisters. "Trio fatal" heißt ein seit 1992 bestehender Kammermusikkreis, dem Michael Kunze als Geiger angehört. Und diese "Dreieinigkeit" ist nun keineswegs auf die große Klassik beschränkt: "Wir machen ganz einfach populäre Musik, egal, ob ein E oder ein U darunter steht", umschreibt Michael Kunze die Produktionen des Trio fatal. Gespielt wird in Kirchen, auf Hochzeiten und Beerdigungen, im Rahmen von Hauskonzerten, Hotelgalas oder Empfängen. In modifizierter Besetzung ist das Trio auch heute noch aktiv.

Vor gut zehn Jahren schließlich hat unser vielbeschäftigter Konzertmeister sich ein weiteres Beschäftigungsfeld erschlossen: er ist künstlerischer Leiter eines Laienorchesters mit dem mehrdeutigen Namen "Quintencircel", das in Dülmen beheimatet ist. Bei Proben und Aufführungen des Quintencircel genießt die Geige endlich Urlaub, Michael Kunze dirigiert "nur".

Durch sein enormes geigerisches Können, sein liebenswürdig-kollegiales Auftreten und seine unbedingte Kompetenz wird unser Konzertmeister allseits hoch geschätzt. Der Michael kann eben alles, vom hals- und fingerbrecherischen Solo - siehe Capriccio espagnol - bis hin zur eher handwerklichen Disziplin des Saitenaufziehens, wenn irgendwo ein diesbezügliches Malheur passiert ist.



Kleine Orchesterkunde

Was ist und was tut ein Konzertmeister?

Historisch betrachtet ist der Konzertmeister der eigentliche Chef eines Orchesters. Vom ersten Pult der ersten Geigen aus leitete er bis ins beginnende 18. Jahrhundert sein Orchester. Manches Kammerorchester heutiger Tage verfährt nach diesem Rezept.

In der barocken Musizierpraxis kommt ein Dirigent hinzu, meist leitet er das Orchester vom Cembalo aus. Später findet man Dirigenten, die allein vor dem Orchester stehend mehr die Funktion des Taktschlägers ausüben. Der französische Hofmusikus Jean Baptiste Lully verfuhr dabei so temperamentvoll, dass er sich die Spitze des damals üblichen wuchtigen Taktstocks in den Fuß rammte. An den Folgen dieses musikalischen Unfalls ist er als 55-jähriger denn auch verschieden.



Der Konzertmeister modernen Zuschnitts hat eine Reihe wichtiger Funktionen:

Die eigentliche musikalische Leitung von Proben und Aufführungen liegt heute beim Dirigenten, einer Institution, als deren Begründer Felix Mendelssohn-Bartholdy gilt.



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